Die Reihen im Barbarossasaal des Main-Kinzig-Forums waren am Dienstag vergangener Woche gut besetzt. Mit großem Interesse erwarteten die Teilnehmer der Veranstaltung die Ausführungen des Historikers Prof. Dr. Meron Mendel, eines kenntnisreichen Fachmanns, Insiders und gleichzeitig vom Thema persönlich Betroffenen.
Die Amnesty International-Gruppe in Gelnhausen bemüht sich in ihrer Öffentlichkeitsarbeit stets, aktuelle Themen aufzugreifen und hatte im Vorfeld Kontakt zu Meron Mendel gesucht, um ihn für einen Vortrag im Main-Kinzig-Kreis zu gewinnen. Nach seiner erfreulich spontanen Zusage übernahm dankenswerterweise das Büro für Interkulturelle Angelegenheiten im Main-Kinzig-Kreis die Ausrichtung der Veranstaltung als Angebot im Rahmen der internationalen Wochen gegen Rassismus, die mit vielfältigen Aktionen vom 16. bis zum 29. März 2026 im Main-Kinzig-Kreis durchgeführt werden.
Meron Mendel wuchs in einem Kibbuz auf, lebt seit 2003 in Frankfurt und leitet dort seit 2010 die Bildungsstätte Anne Frank. 2021 übernahm er eine Professur an der Frankfurt University of Applied Sciences mit dem Schwerpunkt Transnationale Soziale Arbeit. Neben Fachpublikationen hat er mehrere Bücher zu Fragen des Nahost-Konflikts geschrieben und tritt oft als Gastredner und Teilnehmer in Diskussionsrunden auf. Er gilt als kritischer Analyst, wenn es um Fragen des Miteinanders von Juden und Palästinensern und mögliche Konfliktlösungen geht.
Gleich zu Anfang des Vortrags wies er darauf hin, dass es nicht sein Anliegen sei, eine Diskussion über die „korrekte“ Wortwahl zu führen, sondern den Begriff „Staatsräson“ eher pragmatisch zu verstehen und in seiner Bedeutung in Bezug auf aktuelle politische Situationen zu behandeln. Die Debatte um die Staatsräson werde heftig geführt und der Begriff sei umstritten.
Er verwies auf die Rede der damaligen Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel am 18. März 2008 vor der Knesset in Jerusalem, die diesen Begriff erstmals wählte, um der besonderen Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel Ausdruck zu verleihen. Zitat: „Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.“
Die Sicherheit Israels sei jedoch u.a. abhängig von der endgültigen Lösung des Konflikts mit den Palästinensern, so Meron Mendel. Seiner Auffassung nach sei dies auch von der damaligen Bundesregierung erkannt und berücksichtigt worden. Ein genauerer Blick in den Gesamttext der Rede mache deutlich, dass sich auch in dieser Frage Deutschland seiner Verantwortung bewusst gewesen sei. An einer Stelle wenige Absätze vor der Nennung der Staatsräson sagte Angela Merkel: „Deutschland tritt entschieden für die Vision von zwei Staaten in sicheren Grenzen und in Frieden ein – für das jüdische Volk in Israel und das palästinensische in Palästina. Nachdrücklich unterstützen wir deshalb (… ) alle Bemühungen (…), die dazu beitragen, diese Vision in die Tat umzusetzen und Frieden in der Region herzustellen.“
Angesichts der aktuellen, besorgniserregenden politischen Entwicklung in Israel, die zu Zeiten Angela Merkels jedoch nicht absehbar war, sei heute kritisch zu fragen, ob das Konzept der Staatsräson, verstanden als bedingungslose Selbstverpflichtung des deutschen Staates, auf der Seite der Politik Israels zu stehen, weiterhin tragbar sei und was Solidarität mit Israel heute bedeute und bedeuten müsse.
Meron Mendel ging beispielhaft auf mehrere aktuelle Vorkommnisse im Zusammenhang mit dem lang andauernden Nahost-Konflikt und der (Miss-)Deutung der deutschen Staatsräson ein. Den vielfach kontroversen Sichtweisen und der Berichterstattung darüber in den Medien stellte er seine eigenen Gedanken gegenüber und regte damit auch im Publikum zu kritischem Nachdenken an.
So erwähnte er beispielsweise die Spontan-Demonstrationen für die palästinensische Sache in den Städten Deutschlands, die oft pauschal dem Vorwurf des Antisemitismus unterlegen hätten. Sofern jedoch nicht das Existenzrecht Israels verneint werde, sei der Einsatz für die Palästinenser kein Antisemitismus. Nach dem unmenschlichen und grausamen Angriff der Hamas am 07. Oktober 2023 sowie den darauf folgenden massiven Kriegshandlungen Israels in Gaza habe sich jedoch bei einigen Menschen auf beiden Seiten ein erschreckendes Ausmaß fehlender Empathie gezeigt. Menschliches Leid derart gegeneinander aufzuwiegen sei zutiefst unethisch und verwerflich. Unbequeme Meinungen und kritische Äußerungen zur israelischen Politik (die man teilen oder nicht teilen kann) seien dagegen nicht generell als antisemitisch zu beurteilen und zu zensieren. Beispielhaft nannte Meron Mendel den nach der Berlinale 2026 in den Medien heftig ausgetragenen Disput verfehlt. Eindeutig dem Tatbestand des Antisemitismus zuzuordnen gewesen sei dagegen die Ausstellung eines großformatigen Gemäldes mit der Darstellung heftig umstrittener Figuren auf der Documenta 2022 in Kassel.
Meron Mendel betonte deutlich die Problematik des Rechtsrucks der israelischen Regierung unter Netanjahu. Eine völlig unkritische Haltung zu Israels Regierung und ihrem Handeln führe nicht zu positiven Veränderungen im verhärteten Konflikt, sondern gefährde im Gegenteil jede Annäherung zwischen den beteiligten Parteien, setze die furchtbaren Kriege mit tausendfachem Leid auf beiden Seiten in endloser Schleife dauerhaft fort und so auch die Sicherheit des israelischen Staates aufs Spiel. Er erwähnte seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse als Soldat im West-Jordanland. Ihm sei damals als noch sehr jungem Mann erst richtig bewusst geworden, dass dort weniger die Siedler vor Angriffen der Palästinenser als vielmehr die Einheimischen vor der Gewalt der Siedler geschützt werden müssten.
Dringend vonnöten sei eine verantwortungsvolle Haltung zu Israel, die auch Kritik einschließen könne. Auch bei staatspolitischen Besuchen aus Deutschland in Israel sei diese Verantwortung einzufordern. Der Dialog sollte nicht nur mit israelischen, sondern auch palästinensischen Gesprächspartnern geführt werden. Um von Deutschland aus hilfreich zu einem Friedensprozess in Nahost beizutragen, sei an die Unterstützung derjenigen Gruppen in Israel zu denken, die daran arbeiten, die Macht dieser korrupten Regierung zu beenden. Um die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik im West-Jordanland zu stoppen, seien ggf. seitens Deutschlands auch unbequeme Maßnahmen zu ergreifen, wie z.B. Israel mit einem Wirtschaftsboykott bei Fortsetzung dieser illegalen Praxis zu drohen.
Die verzerrte Auseinandersetzung mit dem Begriff der Staatsräson sei wenig hilfreich und trage zur Lösung der Probleme nicht bei. So unsinnig es sich anhöre, sei auch er selbst, so Meron Mendel, schon als jüdischer Antisemit bezeichnet worden. Er unterhalte seit Jahren Freundschaften mit Menschen beider Seiten und sehe Gesprächsbereitschaft und Dialog als Grundvoraussetzung für ein gegenseitiges Verstehen und ein Mittel zum Beenden von Feindschaft zwischen Völkern.
Zum Schluss erwähnte Meron Mendel ein jüdisch-palästinensisches Kooperationsprojekt, die Hagar-Schule in Beér Sheva im Süden Israels, die er seit einigen Jahren unterstütze und bei jedem Aufenthalt in Israel besuche. Die hier betreuten Kinder erleben und lernen gegenseitigen Respekt, Freundschaft und friedliche Konfliktlösungen. Er bat auch seine Zuhörer um Unterstützung des Projekts.
Fragen der Zuhörer zum Vortrag wurden ergänzend in der anschließenden Diskussion behandelt.
Zur möglichen Bedeutung religiöser Konflikte als Auslöser für die Kriege in Nahost erwähnte Meron Mendel seine eigene Lebenssituation. In seiner Ehe mit der Politologin und gläubigen Muslimin Saba-Nur Cheema müssten im Alltag im Geist gegenseitiger Achtung auch immer Kompromisse gefunden werden. Die eigentliche Ursache für die Lösung von Konflikten mit Gewalt seien nicht Religionen an sich, sondern ihr Missbrauch.
Bei aufkommendem Zweifel der Zuhörer an der Realisierbarkeit der Zweistaatenlösung räumte Meron Mendel ein, dass die Schwierigkeiten zwar groß seien, weil derzeitig kein politischer Wille zur Umsetzung erkennbar sei, er sehe aber immerhin noch zukünftig Chancen. Dazu müsste aber die illegale Siedlungspolitik gestoppt werden und – sollte eine Räumung der besetzten Gebiete nicht ermöglicht werden können – ein fairer Gebietsaustausch verhandelt werden.
Angesprochen auf den von Israel zusammen mit den USA geführten aktuellen Krieg gegen den Iran, betonte Meron Mendel, dass er sich solidarisch mit den Iranerinnen und Iranern fühle bei deren Kampf um die Verwirklichung von Menschenrechten und eine demokratische Entwicklung ihres Landes, er sei jedoch der Auffassung, dass die jetzige kriegerische Offensive nicht diesen Zielen diene und zu einer Instabilität der gesamten Region führe.
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